Page 13 - 7 morgen-Magazin 1/2021
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 Das Augenscheinlichste in diesem Moment kam ihr gar nicht in den Sinn – nämlich, dass die Dinge nicht so hinfällig sind wie das Fleisch. Materielles
kann immer repariert oder ersetzt werden, der Körper hingegen ist irreparabel, wenngleich er auch stärker ist als die Seele, für die es keine Heilung gibt, wenn sie erst einmal in Stücke gegangen ist, so ist er doch schwächer als das Holz, das Blei, das Eisen. Dass sie selbst in Gefahr war, war ihr nicht einen Augenblick bewusst.
»Es ist schon September«, flüsterte Yui und betrachtete die schwarze Himmelswand, die sich aus Osten näherte. Nagatsuki, der »Monat der langen Nächte«, der Name, den man ihm schon in uralten Zeiten gegeben hatte. Sie erinnerte sich, dass sie damals genau diesen Satz jeden Monat gesagt hatte. Es ist schon Oktober, November, Dezember. Es ist schon April, hatte sie gesagt, und dann war es Mai und so weiter, während ein Tag auf den ande- ren folgte, seit jenem 11. März des Jahres 2011.
Jeder Tag, jede Woche war ein Kampf, jeder Monat ein- fach nur angehäufte Zeit, gesammelt und eingemottet für eine aufgeschobene Zukunft, von der Yui gar nicht
w
und ihre Tochter in den Mahlstrom des Meeres gesogen worden waren, hatte sie ihr Haar nicht mehr gefärbt. Stattdessen hatte sie es nur ab und zu ein Stückchen ab- geschnitten und ansonsten wachsen lassen, wie eine Aureole, die langsam nach unten wanderte. So kam es, dass die Farbe ihres Haares, genauer der Abstand zwischen dem fahlen Gelb von früher und dem ursprüng- lichen Schwarz, von der Dauer ihrer Trauer erzählte. Sie war zu einer Art Kalender geworden.
Ihr Überleben hatte sie vor allem diesem Garten zu ver- danken, dieser weißen Zelle mit der Schiebetür und dem schwarzen Telefon auf der Ablage, dem Spiralheft dane- ben. Sie wählte eine beliebige Nummer auf der Wähl- scheibe, hielt sich den Hörer ans Ohr und ließ ihre Stimme hineinfallen. Manchmal weinte sie, aber manchmal musste sie auch lachen, weil das Leben so komisch sein kann, auch wenn etwas Schreckliches geschieht.
Jetzt war er fast über ihr, der Taifun. Yui hörte, wie er sich näherte.
In dieser Gegend waren Wirbelstürme nichts Unge- wöhnliches, besonders im Sommer. Sie brachten Chaos, deckten Dächer ab und verstreuten die Dachziegel wie Sa- menkörner in der Landschaft, und jedes Mal beschützte Suzuki-san, der Hüter von Bell Gardia, den Garten mit der liebevollen Fürsorge, die ihm zu eigen war.
Dieses Mal jedoch kündigte sich ein besonders furcht- erregender Taifun an, und Suzuki-san war nicht da. Das Gerücht, er sei krank, hatte sich wie ein Lauffeuer verbrei- tet. Wie schlecht es wirklich um ihn bestellt sein mochte, wusste niemand, nur, dass er im Krankenhaus war.
Wenn er diesen Ort nicht schützte, wer dann?
Yui kam dieser Taifun wie ein kleines, boshaftes Kind vor, das einen Eimer Wasser auf die Sandburg eines anderen Kindes schütten wollte, welches in seiner Unschuld nicht damit rechnete; er beobachtete es aus der Feme, hinter ei- nem Felsen verschanzt, und wartete auf seine Gelegenheit zuzuschlagen.
Die Wolken am Himmel veränderten ständig ihre Posi- tion, alles dort oben raste, und das Licht zog sich rasch in Richtung Westen zurück. Von Minute zu Minute senkte es sich ein wenig mehr über sie herab, legte sich wie eine dunkle Hand auf die Stirn des Hügels, als wollte es prüfen, ob sie wirklich heiß war oder das Fieber nur vortäuschte. Als das Gebrüll des Windes über den Garten hereinbrach, schien sich alles unter seinem Wüten zu ducken. Tu mir nicht weh, schien es zu flüstern.
Yuis Haare öffneten sich wie die Fangarme einer Meduse, sanken schlaff in sich zusammen, fächerten sich wieder auf. Man musste sich nur den Kopf dieser Frau anschauen, um zu erahnen, welche Partitur der Wind spielte, dieses unheimliche Pfeifen, kurz bevor er die Pflanzen aus der Erde riss: die higan-bana, die Spinnenlilie mit ihren schar- lachroten Dolden, die Blume des Nirwana, die Toten- blume, die Hortensie, die all ihrer Blütenblätter beraubt und wieder zum nackten Strauch wurde, oder die weißen Blüten der fusen-kazura mit ihren grünen Früchten, die die Kinder zum Klingeln brachten wie Glöckchen.
Obwohl es ihr mittlerweile Mühe bereitete, sich auf den Beinen zu halten, ging Yui noch ein letztes Mal in die Ho- cke, um sich zu vergewissern, dass alles geschützt war. Mal schleppte sie sich über den Boden, mal stemmte sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen jene Wand aus Luft, bis sie schließlich die allerletzte Steinplatte des Weges er- reicht hatte. Noch einmal prüfte sie die Haken, mit denen sie die Planen um die Telefonzelle festgesteckt hatte, pflügte mit beiden Armen durch den Wind, als wollte sie schwimmen. Eine einzige Platte des Weges knirschte wie mürbe unter ihren Füßen, und Yui fiel ein, wie ihre Tochter die Steinplatten über der Abwasserrinne bei ihrem Haus immer Kekse genannt hatte.
Sie lächelte, dankbar dafür, dass sie sich daran wieder er- innert hatte.
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Yusste, ob sie jemals eintreffen würde.
ui hatte langes rabenschwarzes Haar, das nur an den Spitzen blond war, als wäre der Ansatz von unten nach oben nachgewachsen. Seit ihre Mutter
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Schöner lesen · Frühjahr 2021
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