Page 12 - 7 morgen-Magazin 1/2021
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   Leseprobe
    Prolog
Der Wind peitschte auf die Pflanzen des großen, an einem Hang gelegenen Gartens von Bell Gardia ein. Instinktiv nahm die Frau den Arm vors Gesicht, um
sich zu schützen, und beugte sich nach vorn. Doch dann richtete sie sich wieder auf, stemmte sich der Witterung entgegen.
Kurz vor Morgengrauen war sie gekommen, hatte zugese- hen, wie es hell wurde, noch bevor die Sonne aufging. Sie hatte große Säcke aus dem Auto geladen: fünfzig Meter aufgerollte, dicke Plastikfolie, mehrere Packungen Isolier- band, zehn Schachteln Nagelringe für die Befestigung im Boden sowie einen Hammer mit Damengriff. Bei Conan, dem großen Baumarkt, hatte ein Verkäufer sie gebeten, ihm ihre Hand zu zeigen, er wolle lediglich ihre Größe für den Griff messen, doch sie zuckte zusammen und blieb ihm eine Antwort schuldig.
Mit schnellen Schritten näherte sie sich jetzt der Telefonzelle, die ihr unendlich zerbrechlich er- schien, wie aus Zuckerwatte und Baiser ge- macht. Schon jetzt war der Wind zu einem Sturm ange- wachsen, und die Zeit wurde knapp. Gut zwei Stunden arbeiteten beide ohne Unterlass dort auf dem Hügel von Õtsuchi: sie – die nicht nur die Zelle, sondern auch die Bank, das Schild am Eingang und den kleinen Bogen, der als Wegweiser diente, in Plastikplanen wickelte – und der Wind, der nicht einen Augenblick lang aufhörte, sie zu umtosen. Ab und zu schlang sie unwillkürlich die Arme um sich, als wollte sie sich selbst umarmen, so wie sie es seit Jahren tat, wenn ihre Gefühle sie überwältigten, doch jedes Mal richtete sie sich wieder auf, streckte den Rücken und stemmte sich erneut trotzig der Wolkenbank entge- gen, die mittlerweile den gesamten Hügel einhüllte.
Erst als sie mit allem fertig war, als sie sogar glaubte, den Geschmack des Meeres im Mund zu haben, als wäre die Luft von unten aufgestiegen und die Welt stünde Kopf, hielt sie endlich inne. Erschöpft ließ sie sich auf die Bank sinken, die unter ihrer dicken Plastikhülle aussah wie eine Seidenraupe, ihre Schuhsohlen dick verkrustet von Lehm. Wenn die Welt jetzt unterginge, so sagte sie sich, dann würde sie eben mit ihr untergehen. Doch sollte auch nur die geringste Möglichkeit bestehen, sie auf den Beinen zu halten, selbst in einem ungelenken Gleichgewicht, dann würde sie auch das letzte Körnchen Energie aufbringen, um ihr zu helfen.
Die Stadt unter ihr schlief noch immer. In manchen Fens- tern brannte bereits Licht, doch in Erwartung des Taifuns hielten die meisten Menschen die Fensterläden ge- schlossen und vernagelten sie mit Brettern. So mancher hatte gar Sandsäcke vor seinem Haus gestapelt, um den Wind in seinem Wüten davon abzuhalten, die Barrikaden zu durchbrechen und den Wassermassen Tür und Tor zu öffnen.
Doch Yui schien den Regen gar nicht zu bemerken, den Himmel, der bis zu ihren Schuhen herabgesunken war. Sie betrachtete ihr Werk, die dicken Schichten aus Plastikfolie und Isolierband, in die sie alles eingewickelt hatte: die Te- lefonzelle, die Holzbank, die akkurat aufgereihten Stein- platten, die den Weg formten, den Bogen am Eingang und das Schild mit der feierlichen Aufschrift: »Telefon des Windes«.
Alles war mit einer Schicht aus Erde und Regentropfen be- deckt. Selbst wenn der Taifun etwas wegrisse oder gar mit sich forttrüge – Yui würde bleiben, um es zurückzuholen.
Laura Imai Messina,»Die Telefonzelle am Ende der Welt«
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Schöner lesen · Frühjahr 2021






















































































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